Die Verfasser von Heiligen-Legenden suchen nebst der bloss historisch-geschichtlichen Wirklichkeit nach der inneren Wahrheit, dem Sinn-Gehalt, der immer gültigen Bedeutung, nach den unbewussten Wirkkräften in den Tiefenschichten der menschlichen Seele. Bildlich gesprochen: sie öffnen die äussere Schale zum inneren Kern, suchen im Steingeröll nach dem Edelgestein. Oder biblisch ausgedrückt, gleichen sie den Gleichnissen und Wundererzählungen JESU, die den Menschen in die tiefen, verborgenen Geheimnisse Gottes Einblick geben. Wenn Historiker, Geschichtsforscher sich begnügen (müssen) mit dem, was das menschliche Auge wahrnimmt, so suchen die Heiligen-Legenden wahrzunehmen, was und wie Gott wirkt in ihnen, durch sie, gültig allezeit.
„Wer die Legenden gering schätzend auflöst, sie als bloss fromme Geschichtchen lächerlich zu machen versucht, der unterminiert frevelhaft die Grundlagen der Christenheit. Ein Volk lebt von seinen Legenden und Sagen, die seinen geistigen Nährboden bilden.
Die in den Legenden singende und klingende Melodie ist höchstes Volksgut (ähnlich wie Volkslieder), sie auszumerzen hat nur geistige Verarmung und seelische Verelendung zur Folge, die in der Gegenwart schon spürbar sind. Vom Legenden-Geist erfüllt werden, bewirkt im Menschen eine seelische Bereitschaft, eine religiöse Freude und einen inneren Jubel“. Walter Nigg.
Die Urfassung der Legende aus der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts ist nicht mehr vorhanden. Die ältesten Abschriften datieren aus dem späteren 8/9. Jahrhundert und befinden sich in der Stiftsbibliothek von St. Gallen. Dieser Verfasser ist weder Geschichtsschreiber noch ein einfallsreicher Erzähler. Inhaltlich orientiert er sich an den traditionellen Märtyrer-Akten. Sprachlich schöpft er ausschliesslich aus der Bibel und den liturgischen Texten.
Die letzte lebendige Nacherzählung mit einem ganzen Legendenkranz stammt von Heinrich Brennwald (1478-1551), einem von den Stadtheiligen Ergriffenen aus Zürich. Die Abfassung seiner Schweizer Chronik fällt in die Jahre 1508-1516, also noch in die Zeit vor der Reformation. Ihr Gedächtnis ist allerdings schon im Martyrologium vom 6/7. Jahrhundert aufgeführt.
Suchen wir beim Betrachten dieser Heiligen-Legende an Hand der Bilder ihnen selber zu begegnen wie Geschwistern, mit uns auf dem Lebens- und Glaubens-Weg. Die acht, um 1490 entstandenen, heute grösstenteils in Ungarn befindlichen Tafel-Bilder aus der Spätgotik, Oel auf Holz, waren erstmals 1989 vereint und im Westen zu sehen anlässlich der vielbeachteten Ausstellung im Landesmuseum von Zürich.
Gemalt hat diesen Bilder-Zyklus wohl um 1490 ein fränkischer Künstler im Donau-Raum. Die acht ungefähr gleich grossen Tafelgemälde bilden zusammen eine Einheit. Man kann in ihnen am ehesten die Innenseite eines sog. Flügel-Altars aus der Spätgotik erkennen.
Heute gehören sieben Tafeln dem christlichen Museum zu Esztergom in Ungarn und werden dort verwaltet vom erzbischöflichen Domkapitel. Eine Tafel gehört dem Oberösterreichischen Landesmuseum in Linz. Über ihre Entstehung und ursprüngliche Bestimmung ist bis heute nichts Genaueres bekannt.






