Unsere Orgel
Das 50-jährige Jubiläum unserer Orgel
Am Sonntag, den 25. Januar 2015 wurde in der Kirche St. Felix und Regula das 50-jährige Jubiläum unserer Kuhn-Orgel gebührend gefeiert.
Für diesen festlichen Anlass stellten unsere beiden Organisten Luc Seydoux und Thomas Jäggi zusammen mit dem stadtbekannten ehemaligen Organisten der Ref. Kirche Zürich-Oerlikon Bruno Reich ein vielfältiges, umfassendes und leicht verständliches Musikprogramm zusammen, dass dem Zuhörer erlaubte, die unzähligen Ausdrucksmöglichkeiten der Orgel in seiner ganzen Vielfalt zu erleben. Wer sich an diesem Nachmittag mit unvoreingenommener Offenheit in die Kirche begab, erlebte einen einmaligen und bereichenden Musikgenuss.
Am Anfang präsentierte unser Haupt-Organist Luc Seydoux die dreiteilige musikalische Darbieteng und erklärte sie in allen Details.
Im ersten 15 Minuten dauernden Teil spielte Thomas Jäggi das noch förmliche, traditionelle, gesittete aber auch sehr feierliche und ausladende Präludium und Fuge in Es-Dur von Johann Sebastian Bach, BWV 552, eines der grossartigsten Orgelwerke überhaupt. Sinnbildlich wollten sie alles Gegenständliche und all die Klänge einfangen, die in den letzten 50 Jahren in dieser Kirche ertönten, um so das verflossene halbe Jahrhundert Revue passieren zu lassen. Ehrerbietend wurden die verschiedenen Objekte der Kirche miteinbezogen, so
- die Glasmalerien zu einzelnen Heiligen die biblischen Seeligpreisungen von Ferdinand Gehr,
- das Altarkreuz und Altarrelief von Albert Schilling,
- Sakramentaltar, Ambo, Taufbrunnen und der 15-teilige Kreuzweg an der Rückwand von Alfred Huber,
- der goldene Tabernakel von Martha Flüeler-Haefeli,
- die 5 Glocken im Turm der H. Rüetschi AG und
- zuletzt der gesamte Kirchenbau von Fritz Metzger.
Der mittlere 45-minütige Hauptteil bestand weitgehend aus reiner Programmmusik, d.h. Musik, die einem aussermusikalischen Programm folgt und dieses musikalisch - quasi Pantomimen ähnlich - darstellt. Programmmusik gibt es seit dem Barock. Wir kennen wohl alle Die vier Jahreszeiten von Antonio Vivaldi oder später die Alpensymphonie von Richard Strauss. Und so wurde auch die Legende von Felix und Regula als Programmmusik vorgestellt, wobei die Erkennbarkeit des dargestellten Geschehens höher gewichtet wurde als die rein musikalische Finesse. Als Einführung zur Überlieferung unserer Märtyrer und Stadtheiligen startete das Zürcher Orgelurgestein Bruno Reich
- mit dem Abmarsch der thebäischen Legion in Aegypten, zuerst exotisch-meditativ [Gnossienne, f-moll, 1890, von Erik Satie (1866-1925)]
- und dann militärisch resolut. [Abe nach Ägypte aus de Zäller Josef, G-Dur, 1960, von Paul Burkhard (1911-1977)]
- Auf dem Weg über das Wallis hören wir die patriotische Walliser Hymne, [Walliser Hymne „Nennt mir das Land…“, D-Dur, 1890, Text von Leo Luzian von Roten, Melodie von Ferdinand Othon Wolf]
- vor der Ankunft im Kloster St. Maurice erklingt das sanfte und liebliche „Mon hameau“ aus dem Val d’Anniviers. [Mon hameau, G-Dur, von Emile Jaques Dalcroze (1865-1950)]
- Auf dem Weg über Furka und Schöllenen in Richtung Luzern geraten unsere Heiligen offenbar in ein Gewitter, wobei auch das eine oder andere bekannte musikalische Zitat erklingen dürfte. [Fantaisie pastorale, op. 15 (das berühmte Luzerner Orgelgewitter), von Franz Josef Breitenbach, (1853-1934) [Auszug]]
- Schliesslich kommt die Reisegruppe in Zürich an, in eher wehmütiger Stimmung. [s’Landidörfli, G-Dur; Sechseläutenmarsch in Moll]
Nach einem fliegenden Wechsel des Organisten gelangten wir zum Kern der musikalischen Darstellung der Geschichte des Martyriums, das von Luc Seydoux in 5 Tongemälden Programm-mässig präsentiert wird. Wir stellen uns vor, dass diese Tongemälde in einem kleinen Museum hängen. Sie sind von unterschiedlicher Grösse. Für das Eintreten und den Gang von Bild zu Bild verwenden wir wie bei einer musikalischen Rahmenerzählung die 5 der 6 Promenaden aus dem Originalwerk für Klavier von Modest Mussorgski „Bilder einer Ausstellung“. Bei Mussorgski hingen Bilder seines Freundes Viktor Hartmann an der Wand. Passend zum heutigen Anlass haben wir die Tableaus von Hartmann durch die erwähnten 5 Tongemälde ersetzt.
Auf dem Klavier im Kirchenschiff erklangen die Promenaden, auf der Orgel die Tongemälde; bemerkenswert die besonderen Orgel-Klangeffekte oder wie die Gebete von Felix oder Regula immer wieder hörbar waren. Die schnelle Abfolge der zu vertonenden Szenen in den ersten vier Tongemälden stellte hohe Anforderungen an den Organisten.
Das erste Tongemälde war zur Hälfte auskomponiert, das letzte Tongemälde vollumfänglich. Die mittleren Tongemälde wurden weitgehend improvisatorisch vorgetragen. Das Konzept: das Christliche, Gute klang harmonisch, das Heidnische, Böse konsequent unharmonisch, atonal.
| Mönchisches Leben, Fasten, Nachtwache Regula und Felix beten Zweifaches Lauern und Suchen der Schergen sowie Entgehen Freiwilliges Stellen und Festhalten Befragung durch den röm. Statthalter und Verweigerung | Das erste Tongemälde ist von mittlerer Grösse und Dauer. In der linken Spalte sehen wir die einzelnen Stationen des Tongemäldes. Das weibliche Gebet ertönt hell, das männliche dunkel, sie beten auch kurz gemeinsam; die Fragen des Statthalters sind undeutlich, wirr. |
| Drohen und Weigern Brodeln und Sieden des Oels Oel über Kopf und Hände Verbrennungen Verharren im Gebet | Das zweite Tongemälde ist klein und damit kurz. Das brodelnde, siedende Oel lässt sich gut erkennen, ebenso das Giessen über Kopf und Hände, die Verbrennungen. Zur Darstellung werden unübliche Registrierungen verwendet. Das Verharren im Gebet wirkt dank anderer Register nicht mehr so rein. |
| Erneutes Befragen Weigerung der beiden Christen Gereizheit des Richters und Eskalation Ingangsetzen des Rades mit verletzenden Radspitzen Marterung auf glühendem Eisenrost Vergib Ihnen, Danken | Das dritte Tongemälde ist ebenfalls klein und kurz. Die verletzenden Radspitzen sind hörbar. Ebenso die Marterung auf dem glühendem Eisenrost. Auch hier unübliche Registerzusammenstellung. |
| Gespanntes Warten der Menge Enthauptung Wegtragen der Köpfe durch die Enthaupteten | Auch das vierte Tongemälde ist kurz und bündig und passt zum geflügelten Wort: „churze Prozäss mache“. Die Menge wartet, es passiert wenig. Nach kurzer Spannung folgt dann die brutale Enthauptung und das anschliessende Wegtragen der Köpfe durch die Enthaupteten. |
| Karl der Grosse erscheint, majestätisch und nachdenklich Aufruf zur Jagd des Hirsches und Verfolgung im Unterholz Der Hirsch hält an und entflieht erneut Die Jagdgesellschaft gruppiert sich erneut um Karl den Grossen Zweiter Aufruf zur Jagd Der Hirsch entflieht, geht kurz in die Knie und sein helles Geweih erstrahlt am Grabe der Heiligen Jäger, Kaiser und Hofstaat sammeln sich ein letztes Mal und ziehen pompös ab. | Das fünfte Tongemälde wirkt dagegen monumental wie z.B. die bekannten Seerosenbilder von Claude Monet. Die Steigerung zum hin Schluss erfolgt behutsam. Und während bisher alles um das Jahr 300 geschah, liegt das Geschehen dieses Teils um das Jahr 800. Rang und Ausstrahlung Karls des Grossen zeigen sich eindrücklich in diesem Teil. Die Musik wirkt majestätisch wie auch nachdenklich. Nach dem Aufruf zur Jagd wird die Verfolgung des Hirsches aufgenommen. Nicht laut, aber schnell ist die Szene. Den Hirsch sehen die Verfolger nur ab und zu aus den Augenwinkeln im rasenden Ritt durch das Unterholz. Zuweilen hält der Hirsch an und galoppiert in eine andere Richtung. Auch bei der zweiten Verfolgung kann der Hirsch entfliehen, geht kurz in die Knie und sein helles Geweih erstrahlt am Grabe von Felix und Regula, dort wo das heutige Grossmünster steht. Quasi im Schluss nach dem Schluss schleicht sich ein letztes Mal kurz und intensiv die Disharmonie des Bösen ins Geschehen und die Vibrationen der tiefen Orgeltöne sind sogar im Solarplexus spürbar, als würde ein letztes Mal die ganze Orgel brodeln. |
Der letzte 30 Minuten dauernde Teil stand unter dem weltlichen Motto „was die Orgel draussen in der grossen weiten Welt und in Zürich so alles verpasst hat“. An dieser Stelle wollten wir der Orgel etwas zurückgeben und dürfen dies mitverfolgen. Dazu sang zuerst das kompakte Vokalensemble unter der Leitung von Renata Jeker, am Klavier von Thomas Jäggi begleitet, vornehmlich Lieder aus dem Raum Zürich. Für jedes Jahrzehnt stand ein Lied, beginnend mit den 50ern (und der Entstehung der Orgel). Der Kreis wurde mit einem Evergreen geschlossen, den es schon vor der Orgel gegeben hat.
- „De Heiri het es Chalb verchauft“, aus: kleine Niederdorfoper, Paul Burkhard
- „Kriminal-Tango“, Hazy Osterwald
- „Oh läck du mir“, Trio Eugster
- „Losed si Frau Küenzi“, Salvo
- „Ich han en Schatz am Zürisee“, Geschwister Schmid, Musik: Buddy Bertinat
Als weitere Besonderheit und mit Referenz auf das Entstehungsjahr der Orgel erklang ein Block „born in 64“ mit einer Auswahl der bekanntesten Radiohits des Orgel-Geburtsjahres (1964) in Form eines Potpourris [mit Hits wie Rote Lippen soll man küssen; Es gibt kein Bier auf Hawaii; Liebeskummer lohnt sich nicht; Marmor, Stein und Eisen bricht; 17 Jahr, blondes Haar etc.].
Der musikalische Schlusspunkt bestand aus ein paar weiteren Züri-Schlagern [Mis Dach isch de Himmel vo Züri; I de Mitti vo de City; Lueg vo de Langstrass unde; ..] und endete im musikalischen Pendant unseres Patroziniums mit dem „Sächsilüütemarsch“.
So wie von der Kirche ein einmaliger Zeitzeuge – ein Film des Kirchenbaus – vorhanden ist, wurde auch das heutige Konzert mittels einer Live CD für die Nachwelt festgehalten.
Die Kirchenpflege und die Stiftung ermöglichten den freien Eintritt zum Orgeljubiläum und deren Live-Aufnahme, wofür wir an dieser Stelle ganz herzlich danken.
Wer eine CD mit der Live-Aufnahme des Orgel-Jubiläums erhalten möchte, kann den Bestelltalon herunterladen und ausdrucken und direkt dem Aufnahmeleiter Hans-Ruedi Kürsteiner in Winterthur senden.
Review von: Giorgio Guzzi; Inhalte von: Luc Seydoux, 10.2.2015






